Wie die Kerb entstanden ist

Bis zum Jahre 1827 bestand Kelsterbach aus 2 Gemeinden mit eigenen Verwaltungen, aus Alt- und Neukelsterbach.

Altkelsterbach hatte etwa 560 Einwohner. Die Gehöfte standen rund um die Martinskirche am Marktplatz. Von ihm gingen schon damals 5 Straßen aus, nämlich die Pfarrgasse, die Erbsengasse, die Untergasse, die Schulstraße (damals Obergasse) und die Marktstraße (damals Vordergasse). Am Main stellten die Wohnhäuser in der Mainstraße die Verbindung mit Neukelsterbacher her.

Trotz der Fayencefabrik in der Untergasse war Altkelsterbach ein Bauerndorf geblieben.

Demgegenüber wies Neukelsterbach 1827 nur 370 Einwohner auf. Es bestand aus einer einzigen Straße, der heutigen Neukelsterbacher Straße. Ihre breite Anlage geht auf die Hugenotten zurück welche 1699 aus Frankreich flüchteten und sich hier niederließen. Sie fühlten sich jedoch nicht wohl und zogen nach 12 Jahren wieder weg. In ihre Häuser, wegen der fremdartigen Bauweise heute noch „welsche Häuser“ genannt, zogen nach und nach Leute aus ganz Deutschland ein. Es waren Handwerker, Tagelöhner, die von 1765 an vorwiegend in der neuen Fayencefabrik in Altkelsterbach Arbeit und Brot fanden. Von den Nutzniesungsrechten der Altkelsterbacher an Wald, Weide und Allmendfeld (Gemeindefeld) blieben sie ausgeschlossen.

Dieser soziale Unterschied zwischen den beiden Gemeinden gab häufig Anlass zu Differenzen und macht verständlich, warum über deren Vereinigung die Darmstädter Regierung mit den Altkelsterbacher Ortsbürgern so lange verhandeln musste. Der Abschluss gelang erst 1827 dem Regierungsassessor Heinrich von Gagern, welchen später im Jahre 1848 die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche zu ihrem ersten Präsidenten wählte.

Der Regierungsvertreter musste mit jedem der 53 Ortsbürger verhandeln, bis er das Protokoll unterschrieb und damit schweren Herzens der Minderung seiner Rechte zugunsten der Neukelsterbacher zustimmte. Als Entschädigung erhielt er 175 Gulden.

Auch die neue Gemeinde bekam ein Trostpflaster. Sie durfte zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, einen Kram- und Viehmarkt abhalten. Damit war Kelsterbach mit seinen 930 Einwohnern nunmehr Marktflecken geworden. Der Frühjahrsmarkt fand montags und dienstags vor Pfingsten statt, der Herbstmarkt am ersten Montag nach Gallus (16. Oktober).

Wie aus den Gemeinderechnungen von 1828 und später hervorgeht, erschienen Inserate in Darmstädter, Frankfurter und Offenbacher Zeitungen. Zusätzlich wurde der Markt in den Nachbarorten von deren Ortsdienern mit der Ortsschelle „ausgeschellt“. Damit auch auswärtige Handwerker und Händler ihre Waren feilbieten konnten, stellte die Gemeinde auf dem Marktplatz Ladentische auf. Über den Frühjahrsmarkt von 1836 beschwerte sich der damalige Ortspfarrer Engel wegen eines Drehorgelspielers und eines Puppenspielers. Sie hätten hier nichts verloren und würden das nachfolgende Pfingstfest stören. Ein Krammarkt sei kein Rummelplatz. Hinzu kam die schwierige Lage der Fayencefabrik, die wenige Jahre später bankrott machte. Deshalb rieten auch der damalige Bürgermeister Becker und die Gemeinderäte vom jetzigen Termin ab. Sie schlugen den Osterdienstag vor.

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann im Rhein-Main-Gebiet die Industrialisierung. 1863 wurde die Eisenbahnlinie Frankfurt-Mainz eröffnet. Damit verbesserten sich die Verkehrsverhältnisse ganz erheblich. Um einzukaufen konnte man rasch in die „Stadt“ fahren und brauchte nicht mehr auf die Krammärkte zu warten. Infolgedessen ging deren wirtschaftliche Bedeutung zurück. Der Frühjahrsmarkt wurde zwar noch im Jahre 1921 im „Mittelrheinischen Verbands-Kalender für Landwirte“ angezeigt, aber in Wirklichkeit war er schon seit Jahrzehnten ganz eingeschlafen.

Den „Herbstmarkt“ funktionierte man zu einem „Vergnügungsmarkt“ um, mit Karussell, Schiffschaukel und Zuckerständen für die Kinder, mit Schießbuden, Tanzveranstaltungen und sonstigem Rummel für die Erwachsenen. Natürlich kam dann der vorausgegangene Sonntag hinzu, ja, er wurde sogar Hauptfesttag.

So entstand aus dem ehemaligen Kram- und Viehmarkt unsere heutige Kerb. Als in Hessen die allgemeine Wehrpflicht für alle Zwanzigjährigen eingeführt wurde, empfand man es als unbillig, dass die Rekruten zum 01. Oktober, also 3 Wochen vor Kerb, einrücken mussten. Deshalb entschloss man sich 1894, den Herbstmarkt auf den ersten Montag im September vorzuverlegen. Und jener Jahrgang schloss sich zur Kameradschaft der „Kerweborsch“ zusammen, welche für den Kerwebaum, die Umzüge, den „Giggelschlag“ und die Tanzveranstaltungen sorgten.

Trotzdem wurde der frühere Kerbtag nicht vergessen. Noch in den zwanziger Jahren feierte man Mitte Oktober die „Altkerb“, allerdings mit kleinerem Aufwand. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Termin noch einmal, wenn auch geringfügig geändert. Nicht mehr der erste Montag, sondern der erste Sonntag im September legt die Kelsterbacher Kerb fest.

In ähnlicher Form wird auch in anderen Orten unserer Heimat Kerb gefeiert. Doch hängt deren Ursprung meistens mit der Weihe der örtlichen Kirche zusammen. Daher spricht man auch vom Kirchweihfest, abgekürzt Kirmes oder Kirta.

Im benachbarten Schwanheim ist die älteste Kirche dem Hl. Mauritius geweiht. Mauritiustag ist der 22. September. Deshalb findet dort die Kerb am darauf folgenden Sonntag statt.

Quelle: Heimatbuch Kelsterbach, Band 1

Herausgeber: Gustav Steubing, Heinrich Stuckert, Heribert Möser und Karl Laun

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